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Prochel - killing me softly
...anfangen |
...reden
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...verzweifeln |
Eine 45minütige Unterrichtsstunde in Religion bei Herrn Prochel läßt
sich im allgemeinen in sechs Blöcke einteilen. Fünf Minuten vergehen durch das Warten
auf den Lehrer, weitere fünf dadurch, daß dieser seine Sachen auf dem Tisch ausbreitet.
Wiederum zehn Minuten benötigt er, um den Schülern sein neues Unterrichtskonzept
vorzustellen, nochmals fünf werden für Fragerunden veranschlagt. In den nächsten zehn
Minuten meint er, die Schüler über die Härte es Studiums unterrichten zu müssen, was
dann in ein Philosophieren über das Leben allgemein ausartet, für das die restlichen
zehn Minuten herhalten müssen.
Über die ersten fünf Minuten Wartezeit gibt es nicht viel zu berichten, da die meisten
Schüler diese bei der Zusammenstellung ihres Fahrplans bereits berücksichtigen. Das
Vergnügen, Herrn Prochel bei Ausbreiten seiner Sachen auf dem Tisch zuzusehen, ist schon
ein außerordentliches. Diverse Mappen, Hefte, Bücher, Ordner, Kopien, Schnellhefter,
Stifte und Thermoskannen verlassen hierbei den Koffer, in dem sie die Pausen verbringen,
um sich ihren Platz auf dem Pult zu suchen. Zurück bleibt ein leerer Koffer, der - ebenso
wie die Schüler - wohl nie verstehen wird, wozu dieser Arbeit ankündigende Krimskrams
benötigt wird.
Ein nicht minderes Vergnügen bedeutet es, sich jede Stunde von neuem über das
verbesserte Unterrichtskonzept informieren zu lassen. In der ersten Stunde eines jeden
Semesters folgt dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß dem Kurs wieder nur zehn
Stunden zur Verfügung stehen, die Verteilung von mindesten ebenso vielen Büchern, die
die besonderen Beziehung des Lehrers zur Bibliothek am besten widerspiegeln.
Nach einem Appell an die "Buch-Einschlag-Lust" der Schüler kommt man in den
Genuß der eigentlichen Gebrauchsanweisung für die Handhabung dieser Büchermassen. Zur
Einführung in das Themengebiet sei es ratsam, sich durch dieses und jenes Buch einmal
hindurch zu gehen, um dann später bei der Lektüre der Übrigen Bücher keine
Schwierigkeiten zu bekommen. Auf diese Weise solle jeder Schüler auf ein Thema stoßen,
das ihn besonders interessiert und welches er zum Hauptthema der ihm persönlich zur
Verfügung stehenden Unterrichtseinheit macht.f
Wie man nun letztendlich dieses Thema behandle, stehe einem völlig frei. So weiß jeder
Schüler dieses Kurses bereits nach der ersten Stunde, was für ein Glück er hat, ein
solcher zu sein, da doch hier ganz auf Selbständigkeit und freies Denken gesetzt wird.
Eine mittelmäßige Note wird da schon einmal gerne in Kauf genommen. Die Freude auf die
nächste Stunde ist also allen Schülern gemein, da man doch sicher gehen kann, daß das
alte Konzept wieder einmal über den Haufen geworfen und ein neues entwickelt worden ist,
das dem alten in nichts nachsteht.
Nachdem nun die ersten 20 Minuten vergangen sind, meint Herr Prochel, auch einmal eine
Frage an den Kurs stellen zu müssen, da dieser sonst vielleicht doch gelangweilt sein
könnte. Ihm zur Rechten wird also begonnen, auf diese Frage einzugehen oder auch nicht,
in jedem Fall aber, etwas zu sagen, so daß es den Schülern, die ihm gegenüber oder gar
links von ihm sitzen, schwerfällt, auch noch eine Bemerkung zu diesem Thema in ihrem
Gehirn zusammenzustellen. Und wenn man dann mitten in einer dieser Diskussionen ist, zu
denen es in anderen Kursen natürlich sonderbarerweise viel häufiger kommt, unterbricht
einen jäh das Zeichen, welches die Pause ankündigt und somit für die meisten die
Erlösung bedeutet.
Wenn einem dann wieder einmal vor Augen gestellt wird, daß man im Religionsunterricht der
vergangenen Jahre Dinge gelernt habe, die man leider nicht gebrauchen könne, und Dinge
hätte lernen sollen, die man nun benötige, so bedeutet dies meistens ein Umschwenken auf
das Thema Studium.
Dieses sei ja so hart, da man Hilfe von keiner Seite erwarten könne; jemandem, der es
nicht verkrafte, vollkommen auf sich alleine gestellt zu sein, sei dringendst davon
abzuraten, finanziell leisten könne es sich sowieso keiner und wer Bücher nicht quer
lesen könne, habe in keinem Fall eine Chance.
Da aber das Studium nur als Musterbeispiel für die Härte des Lebens gedacht ist, weiß
jeder Schüler, daß diesem zehnminütigen Referat nur der eigentliche Höhepunkt des
Unterrichts folgt, nämlich ein ebenso langer Vortrag über die Lebensphilosophie des
Herrn Prochel. Dieser allein lohnt das Belegen dieses Kurses, was auch immer wieder dazu
führt, daß der Raum, in dem Herr Prochel unterrichtet, von Gasthörern überfüllt ist.
Auch das Leben sei ja so furchtbar hart, keiner helfe einem und man sei auch hier immer
auf sich alleine gestellt. Im Prinzip sei eigentlich alles scheiße und wen das Leben noch
nicht allzusehr mit Problemen überhäuft habe, der sei im Grunde zutiefst zu bedauern, da
diese später noch en masse auf ihn zukämen. Außerdem sei ja die ganze Welt so
schrecklich schlecht und alle Menschen stünden in jedem Fall immer auf der anderen Seite
und versuchten, einem das Leben so schwer, wie nur irgend möglich zu machen.
Allen Schülern, die die zwei Jahre durchgehalten haben und sich durch nichts haben
beirren lassen, ist nun deutlich geworden, daß sie erst jetzt richtig auf das Leben
vorbereitet sind, das noch kommen wird, und daß sie ihrem Religionslehrer dankbar sein
müssen, da dieser doch den entscheidenden Beitrag für ihre Abhärtung geleistet hat.
Herr Prochel, wir danken Ihnen!
(mf) |
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